Systemische Therapie zählt zu den Heilverfahren im Gesundheitswesen und gehört zu den vier großen Grundrichtungen der Psychotherapie. Als Therapieverfahren ist systemische Therapie besonders, indem sie nicht nur einzelne Probleme, sondern vor allem Zusammenhänge betrachtet und dabei individuelle Lösungsmöglichkeiten sucht.
Was bedeutet „systemisch“?
Der Begriff „Systemisch“ steht dafür, dass Menschen nicht als einzelne Wesen betrachtet werden können. edes Individuum lebt und entwickelt sich in Wechselbeziehungen mit Anderen. Eine Person wird daher mit seinen Beziehungen zur Familie, Freunden, Bekannten, Arbeitskollegium und weiteren, relevanten Anderen gesehen. In Interaktionen mit verschiedenen Menschen und Personengruppen entstehen diverse Rollen und Selbstverständnisse, die je nach Lebensbereich sehr voneinander abweichen können. Wie eine Person „ist“, kann daher nichts Festgelegtes sein, sondern hängt maßgeblich von ihrem jeweiligen Umfeld ab. So kann ein Mensch, je nachdem, wo er sich gerade befindet, erstens sich selbt äußerst unterschiedlich erleben und zweitens auch verschieden wahrgenommen werden.
Ein „System“ ist eine Gruppe von Elementen, die in Beziehung miteinander sind. Systeme können Familien, Partnerschaften, Freundeskreise, Organisationen, Hobbygruppen oder auch was anderes sein. So hat jeder Mensch ein Netzwerk aus unterschiedlichsten Systemen, die wiederum einander beeinflussen. Wenn Probleme und Schwierigkeiten sich bemerkbar machen, sind sie daher häufig nicht im Einzelnen begründet, sondern im Zusammenspiel mit anderen im System entstanden. Es entwickeln sich Kommunikationsdynamiken und Verhaltensmuster, die im Gegenzug Probleme bestärken können – doch genauso Möglichkeiten für hilfreiche Veränderungen in sich bergen.
Historische Hintergründe der systemischen Therapie
Die systemische Therapie hat ihre Wurzeln in der Familientherapie. In den Theorieansatz integriert wurden Elemente unter anderem aus Kommunikations- und Kybernetikforschung, Konstruktivismus, humanistische Psychotherapie, Hypnotherapie (v.a. nach Milton Erickson) und lösungsfokussierter Kurzzeittherapie. Aus zahlreichen Einflüssen ist eine Therapieform entstanden, die beziehungs- und kontextbezogen arbeitet und heute in vielen Bereichen anerkannt ist.
Die Grundannahmen in der systemischen Therapie
In der systemischen Therapie bilden Wertschätzung und Vertrauen das Fundament. Ein systemischer Therapeut wird von der Überzeugung geleitet, dass jeder Mensch selbstwirksam und im Besitz von vielen Fähigkeiten und Potenziale ist. Daher ist logisch, dass jeder Klient und jede Klientin einen ganz persönlichen Entwicklungsweg gehen.
Als systemische Therapeutin bleibe ich neugierig und glaube nicht zu wissen, was für die Klientel das Richtige ist. Denn jeder Mensch ist individuell und sollte mit Offenheit und Neugier begegnet werden. Entsprechend kann nur die Klientel selber wissen, ob eine Lösung wirklich passend für sie ist.
Während eines Therapieprozesses wird auch mitbedacht, dass kein Mensch allein für sich existiert, sondern immer in Wechselbeziehungen mit anderen lebt. Entsprechend macht jedes Verhalten Sinn, wenn der Kontext für das Handeln bekannt ist. Daher ist es wichtig, die Sicht- und Denkweisen aller Beteiligten einzubeziehen.
Systemische Therapie orientiert sich stark an Ressourcen und Lösungen. Zu den Aufgaben der Therapeuten gehört es daher genauso, versteckte, vergessene oder auch aktuell nicht (mehr) genutzte Stärken zu finden.
Systemische Methoden – was passiert in der systemischen Therapie?
Als systemische Therapeutin arbeite ich mit verschiedenen Methoden, die ich entsprechend den individuellen Themen der Klientel aussuche oder auch kreiere.
Großen Raum in der systemischen Therapie bekommen Fragen. Bisher noch nicht gestellte Fragen unterstützen die Suche nach neuen Antworten. So kann das Schwierige anders betrachtet werden und es werden interessante Möglichkeiten entdeckt. Zu den systemischen Fragen gehören unter anderem Fragen zum Problem: Für wen ist das Problem ein größeres und für wen ein kleineres? Wer bemerkt im Alltag das Problem als Erstes, wer als Letztes? Wann ist das Problem mehr da und wann weniger? Wie hast du es geschafft, bis jetzt mit dem Problem irgendwie klarzukommen? Was soll nun anders werden?
Zugleich ist die systemische Therapie immer ein individueller Prozess für jede Klientin und jeden Klienten. Also orientieren sich die in der systemischen Therapie gestellten Fragen jederzeit an dem Anliegen der Klientel.
Visualisierung von Themen und Zusammenhängen ist zudem eine hilfreiche Methodik, um Beziehungen und Dynamiken zu erkunden, andere Blickwinkel zu erhalten und Wege aus dem Problemstrudel zu entdecken. Als Material für Visualisierungen können Stifte und Papier, wie auch Figuren, Seile oder Anderes verwendet werden. Visualisierung ermöglicht einen Überblick, baut Distanz zum Problem auf und gibt so auch Raum für strategische Überlegungen.
Zentral in der systemischen Therapie ist die Ressourcenaktivierung. Es werden Stärken gesucht, gefunden und weiter aufgebaut. Aus einer Position der Kompetenz gelingt der Umgang mit den Schwierigkeiten gleich anders.
Einsatzbereiche und Formen der systemischen Therapie
Systemische Therapie ist vielseitig einsetzbar. Sie ist hilfreich bei unterschiedlichen Belastungen, wie u.a. depressiven Stimmungen, Ängsten, Traumafolgen oder auch psychosomatischen Schmerzen. Doch genauso unterstützt systemische Therapie bei der persönlichen Entwicklung und bei der Erkundung der eigenen Individualität. Genauso gehören Beziehungsthemen und Konflikte zu den häufigen Strapazen der Klientel. Eine professionelle Unterstützung wird zudem besonders relevant bei Lebenskrisen, Übergängen und Entscheidungsfindungsphasen. Auch Stress, psychische Belastungen im Alltag, Überforderung und innere Blockaden können in der systemischen Therapie aufgearbeitet werden.
Dabei kann systemische Therapie in unterschiedlichen Settings von der Einzeltherapie über Paar- und Familientherapie bis hin zur Gruppentherapie erfolgen.
Die Ursprünge der systemischen Therapie sind in der Familientherapie zu finden. Die Gründungszeit der Familientherapie war in den 1950ern, geprägt von verschiedenen familientherapeutischen Schulrichtungen. Zu den systemischen Elementen der Familientherapie zählen Hierarchien, Koalitionen, Allianzen, Parentifizierung, transgenerationale Symptomweitergabe und vieles mehr. In der Familientherapie wird miteinander exploriert, wie die anstehenden Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden können und welche Problemlösungsstrategien aktiviert werden können.
Auch wenn die Wurzeln der systemischen Therapie in der Familientherapie liegen, wird systemische Therapie häufig als Einzeltherapie angeboten. Als systemische Therapeutin fokussiere ich im Einzelsetting genauso die Ressourcen der Klientel, behalte den sozialen Kontext im Auge und berücksichtige die relationalen Einflüsse. Und es bleibt eine gute Möglichkeit für den therapeutischen Prozess, andere Personen in die Therapiesitzungen einzuladen, wenn dies als hilfreich betrachtet wird.
Als eine weitere Form der systemischen Therapie ermöglicht die Paartherapie eine neuartige Begegnung miteinander. Das Paar kann einander anders kennenlernen und gemeinsam neue Lösungsmöglichkeiten für die herausfordernden Punkte finden. Häufige Themen in der Paartherapie sind Streit und Konflikte, Nebenbeziehungen, Sexualität oder auch Vertrauensverluste. In der Paartherapie steht die Entwicklung des Paares im Vordergrund und die erlebten Probleme laden zu einer Weiterentwicklung ein – manchmal in der Form einer begleiteten Trennung.
Systemische Gruppentherapie kann mit Gruppen aus Einzelpersonen, Paaren oder Familien stattfinden. Tragend für die Arbeiten in der Gruppe sind die unterschiedlichen Blickwinkel wie auch das Lernen aus dem Austausch miteinander. Die methodische Vielfalt in der Gruppentherapie ist groß, bunt und ermutigt die Teilnehmenden zu neuen Erfahrungen.
Ethische Grundsätze in der systemischen Therapie
Respekt und Wertschätzung sind die Grundpfeiler der therapeutischen Haltung. Jede Person wird ernstgenommen und respektiert. Dem Erleben der Klientel wird mit Neugier und Interesse begegnet. Die Therapie fokussiert die Förderung von Selbstwert und Selbstakzeptanz.
Transparenz und Kooperation in dem therapeutischen Prozess gehören zur systemischen Therapie. Therapie wird von Therapeutin und die Klientel als ein gemeinsames Suchen und Finden gestaltet. Die Klientinnen und Klienten nehmen aktiv an der Therapie teil und sind die Autoritäten für ihre Anliegen, Wünsche und Bedürfnisse.
Schutz von Beziehungen und Beteiligten ist mir als systemische Therapeutin wichtig. Bei der therapeutischen Arbeit achte ich darauf, dass meine Klientel auch bei der Offenlegung von Themen geschützt bleibt und ihre Selbstbestimmung im Prozess bewahrt.
Mehr zu den ethischen Richtlinien in der systemischen Therapie ist auf den Seiten der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie zu finden: DGSF-Ethikrichtlinien
Forschung und Wirksamkeit der systemischen Therapie
Systemische Therapie und Familientherapie ist wissenschaftlich anerkannt und wird in vielen Studien als wirksam gesehen. Besondere Vorteile des systemischen Ansatzes sind eine hohe Zufriedenheit seitens der Klientel und seltenere Therapieabbrüche.
Durch den Leitsatz „So viele Sitzungen wie notwendig – so wenige Sitzungen wie möglich“ ist zudem die Menge der Therapiesitzungen häufig geringer als bei anderen Therapieverfahren. Auch können die Abstände zwischen den mehr oder weniger regelmäßigen Sitzungen individuell ausgedehnt werden.
Wann ist systemische Therapie hilfreich?
Systemische Therapie ist individuell und vielseitig, genauso wie die Klientel und ihre Themen. Daher kann systemische Therapie nicht reine „Problembehandlung“ nach Schema F sein. Systemische Therapie ist an individueller Weiterentwicklung orientiert, auf Stärken und Möglichkeiten fokussiert und lädt zu neuen Erfahrungen ein.
Wenn du denkst, dass systemische Therapie für dich eine passende Begleitung auf deinem Weg sein könnte, kontaktiere mich gern für ein Erstgespräch. Ein Termin für ein unverbindliches Telefonat kann am Ende dieser Seite über den Button “Erstgespräch buchen” reserviert werden.
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Quellen
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